EIN VISUELLES ESSAY
VON JESSICA DIERICH
Die sozialen und kulturellen Wertvorstellung der Gesellschaft, in der ein Film entsteht, beeinflussen die Handlungen und Figuren, die wir darin sehen. Deshalb können wir uns, indem wir die Filme der vergangenen Jahrzehnte darauf untersuchen, eine Vorstellung der vorherrschenden gesellschaftlichen Normen dieser Zeit machen.

Besonders interessant wird dies, wenn man Filme auf ihre Geschlechterrollen untersucht. So wurden zum Beispiel sexuell aktive Frauen sehr oft als Gefahr oder sogar mörderisch dargestellt während jungfräuliche und hilflose Frauen vom Mann gerettet werden mussten. Frauenrollen wurden in der Filmgeschichte Hollywoods oft dafür benutzt, um einer männlichen Hauptfigur Unterstützung oder Herausforderung innerhalb der Handlung zu bieten, denn Filme richteten sich oft an ein männliches Publikum. Insbesondere ab den 30er Jahren arbeiten hauptsächlich Männer in der Filmproduktion und so wurden Frauen meistens durch den Blick des Mannes dargestellt.

Dies war allerdings nicht immer der Fall. Insbesondere in den frühen Tagen des Films war die Geschlechterverteilung unter Filmemacher*innen noch ausgeglichen. Frauen wie Alice Guy-Blaché nutzten und experimentierten mit den Möglichkeiten dieses neuen Mediums und arbeiteten bei großen Produktionsfirmen. Als die Filmindustrie mit den 30er Jahren allerdings immer wirtschaftlicher wurde, verschwanden Frauen nach und nach aus der Filmproduktion und der Geschichtsschreibung.  

Einen ähnlichen Werdegang erlebten auch die Frauen, die im Schnittraum als Cutter*innen tätig waren. Während der Beruf anfangs als reiner Frauenberuf wahrgenommen und mit dem Nähen verglichen wurde, begannen Frauen wie Margaret Booth mit der Entwicklung von experimentellen Schnitttechniken – Techniken, die heutzutage nicht mehr aus dem Repertoire von Cutter*innen wegzudenken sind. Sobald allerdings die kreativen Möglichkeiten und den Einfluss des Filmschnitts bemerkt wurden, übernahmen immer mehr junge Männer den Beruf und Frauen verschwanden zu großen Teilen aus den Schnitträumen.

Bis heute findet man deutlich weniger Frauen in der Filmindustrie, als Männer. Von den größten und einflussreichsten Filmen des Jahres 2019 wurden nur 10 % von Regisseurinnen produziert, 2018 waren es gerade einmal 4 %. Auch hinter den Kulissen sehen die Zahlen schlecht aus. Der Anteil an weiblichen Mitarbeitenden lag 2019 bei gerade einmal 20 %.